05.06.2014, von Sebastian Calließ
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Treue Seeteufel und polygame Schimpansen-Männer

Prof. Dr. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe der Universität Zürich
Treue nimmt einen zentralen Stellenwert in heutigen Beziehungen ein. Das ist das Ergebnis einer großen eDarling-Umfrage. Doch entspricht das überhaupt der menschlichen Natur? Im eDarling Exklusiv-Interview erläutert Professor Dr. Ulrich Kutschera,* Evolutionsbiologe und Physiologe an der Universität Kassel und in Stanford (USA) sowie Vorsitzender des Arbeitskreises (AK) Evolutionsbiologie2 die Hintergründe dieses Phänomens.


eDarling: Monogamie ist die häufigste Beziehungsform in unserer Kultur. Sie ist für uns so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken. Liegt das in unseren Genen oder haben sozio-kulturelle Faktoren uns zu dem gemacht, was wir sind?

Professor Kutschera: Alle Menschen müssen einmal sterben, aber das Bestreben nach individuellem Überleben in leiblichen Nachkommen ist ein genetisch verankertes Verhaltensprogramm. Nur wer sich zweigeschlechtlich (sexuell) fortpflanzt, existiert nach seinem Tod in seinen Kindern weiter, sofern diese überleben: Kinderlose sterben aus. Um dieses Ziel zu erreichen, kann Treue eine große Hilfe sein. Die Tendenz zur sozialen Monogamie, d. h. der vorübergehenden gemeinsamen Kinder-Aufzucht, hat biologische wie kulturelle Ursachen.


Besitzt die Monogamie evolutionäre Vorteile, so dass sie sich durchgesetzt hat und nun unser Zusammenleben dominiert? (Oder hat sie sich entgegen der Evolutionstheorie durchgesetzt?)

Im Urzustand, als „unzivilisierte“ Menschen noch, mit leiblichen Kindern, in arbeitsteilig organisierten Überlebensgemeinschaften (Familienverbänden) gelebt haben, waren Raubtiere eine permanente Gefahr. Wie bei anderen Säugern, bedrohten aber auch fremde, paarungsbereite Männer, die Kleinkinder der schutzlosen Mütter, sodass Väter gezwungen waren, vorübergehend in sozialer Monogamie zu leben. Diese evolutionär sinnvolle Überlebens-Strategie hat sich bis heute erhalten und ist in jeder Beziehung erstrebenswert.


Häufig werden die Begriffe Treue und Monogamie synonym verwendet. Ist es korrekt, diese gleichzusetzen, oder besteht zwischen diesen Begriffen ein Unterschied?

Bisher habe ich den Begriff Treue mit sozialer Monogamie, d. h. der gemeinsamen Kinderaufzucht, bis diese selbstständig sind, gleichgesetzt. Daneben gibt es noch das Phänomen der „absoluten Treue“ oder Paarungs-Monogamie: Ein Männchen begattet dann lebenslänglich nur ein einziges Weibchen. Man muss, evolutionsbiologisch betrachtet, diese beiden Varianten voneinander unterscheiden.


Wie sieht es in der Tierwelt aus? Ist Monogamie unter Säugetieren weit verbreitet? So leben die dem Menschen sehr ähnlichen Schimpansen nicht monogam. Kann man hieraus Rückschlüsse auf unser eigentlich natürliches Verhalten ziehen?

In der Tierwelt kommt die soziale Monogamie regelmäßig vor, aber Paarungs-Monogamien sind extrem selten. Nur etwa 3 % der ca. 5.500 bekannten Säugetier-Arten leben vermutlich paarungs-monogam. In aller Regel sind die Männchen, u. a. bedingt durch den zehnfach höheren Testosteron-Pegel, verglichen mit den Weibchen, polygam veranlagt, d. h. sie sind bestrebt, ihre Gene, weit gestreut, in die nächste Generation zu bringen, was aber oft nur den mächtigen Alpha-Männchen gelingt (z. B. Schimpansen). Absolute Treue gibt es allerdings bei bestimmten Tiefseefischen, den Seeteufeln. Dort leben die Männchen, zu kleinen Parasiten reduziert, am Körper des großen Weibchens festgesaugt, und fungieren nur noch als hirnlose Spermien-Produzenten. Das ist eine Anpassung an die extremen Umweltbedingungen in der Tiefsee und eine absolute Ausnahme im Tierreich.

Bei den streng monogamen Säugetieren (z. B. Rotfuchs, Gibbon) haben die Männchen und Weibchen gleiche Körpergröße, während polygame Männchen immer größer und kräftiger sind als die Weibchen. Da Männer ca. 10 % größer und ca. 20 % schwerer als Frauen sind, schließen Evolutionsforscher, dass wir, wie die Schimpansen, zu den männlich-polygamen Säugern zählen. Tendenzen zur Polygamie gibt es aber auch bei weiblichen Schimpansen.


Lässt sich Treue auf christliche Erziehung zurückführen? Sind christlich erzogene Menschen die treueren Ehepartner?

Eine streng christliche Erziehung kann sicher tendenziell zu monogam lebenden Männern und Frauen führen, da eine frühkindliche Prägung, insbesondere durch religiöse Dogmen, zeitlebens fest sitzt. Bei den christlichen Mormonen waren die Männer früher aber polygam. Rein biologisch betrachtet, hat eine Frau das Vermögen, 10 bis max. 20 Kinder zu gebären, während Männer hunderte von Kindern zeugen können, vorausgesetzt, entsprechende Reproduktionspartnerinnen wären verfügbar. Das ist unser evolutionäres Erbe, u. a. bedingt durch die Anisogamie (wenige große nährstoffreiche „weibliche“ Eizellen, viele kleine, variable „männliche“ Spermien).


Gibt es Untersuchungen, die sich mit Treue oder Monogamie auf globaler Ebene beschäftigen? Bestehen weltweite bzw. kulturelle Unterschiede?

Global betrachtet kennt man Kulturen, in denen polygame, männlich dominierte Fortpflanzungsgemeinschaften die Norm sind (akzeptierte „Vielweiberei“). Unser westliches „ein Mann- eine Frau-auf-Lebenszeit-Modell“, mit der gesetzlich vorgeschriebenen Paarungs-Monogamie, ist evolutionsbiologisch betrachtet widernatürlich, zumindest was die männliche Hälfte der Population betrifft. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass sich bei urtümlichen Menschen, wie z. B. auch bei unseren nächsten Verwandten (Schimpanse, Gorilla), von zehn Männchen nur wenige erfolgreich fortpflanzen, da es in der Natur eine strikte Reproduktions-Hierarchie gibt, mit intelligent-mutigen Alpha-Männchen an der Spitze dieser Gruppe.


Britische Forscher haben in einer Studie den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Treue untersucht und abschließend behauptet, dass Fremdgeher einen niedrigeren IQ haben. Lässt sich das bestätigen?

Ich kenne diese Studie nicht. Da z.B. Physiker, Chemiker und Biologen, die im Wesentlichen mit ihrer „Intelligenz“ ihr Geld verdienen, oft ihr Leben dem Beruf unterordnen und somit keine Zeit für „Weibergeschichten“ haben, kann ich mir das schon vorstellen. Das evolutionär bedingte Bestreben vieler Männer nach anderen (außerehelichen) Paarungspartnerinnen wird bei diesen Individuen durch ein extremes Interesse an der Arbeit überdeckt, was zu einer arbeits-bedingten Paarungs-Monogamie führen kann.


Das Kuschelhormon Oxytocin führt dazu, dass wir unserem Partner treu bleiben. Angeblich kann man es auch über ein Nasenspray einnehmen. Ist das ein wirksamer Schutz gegen das Fremdgehen?

Ein für Männer erfundener „Schutz vor dem Fremdgehen“ ist so widernatürlich wie ein Abgewöhnen des Lauf- und Bewegungsdranges, z. B. durch ein narkotisierendes Beruhigungspflaster. Evolutionspsychologische Studien haben gezeigt, dass treue, unsportlich-fette Sofa-Dackel für viele junge Frauen nicht besonders interessant sind. Diese fühlen sich, biologisch bedingt, eher zu den Testosteron-gesteuerten, intelligenten, Risiko-bereiten Alpha-Männern hingezogen, und diese sind wiederum tendenziell polygam veranlagt. In meinen Interviews „Viel Macht, viel Sex“3 und „Homosexualität und Evolution“4 bin ich auf diese Thematik näher eingegangen.


Abschließend: Wie stehen Wissenschaftler zum Thema Treue? Gibt es prominente Beispiele für treue Wissenschaftler?

Unter Naturwissenschaftlern, insbesondere Biologen, Chemikern und Physikern, ist das Prinzip „mein Job ist mein Leben“ weit verbreitet. Daher lebten große Wissenschaftler, wie z. B. Charles Darwin oder der ebenso bedeutsame, aber wenig bekannte Alfred Russel Wallace,5 in späteren Jahren monogam. Insbesondere die Ehe von Wallace scheint vorbildlich gewesen zu sein und ein Musterbeispiel für ein treues, harmonievolles Zusammenleben bis zum Tod. Ob die genannten Forscher aber diesbezüglich wirklich „treue Seeteufel“ waren, wissen wir nicht.

Zumindest bei Ernst Haeckel, dem Jenaer „deutschen Darwin“, sind nach dem Tod gut verdeckt gebliebene, mögliche „Weibergeschichten“ bekannt geworden. Diese Gerüchte wurden vermutlich aber von Haeckels christlichen Evolutionsgegnern in Umlauf gebracht, um das Ansehen des großen Evolutionsforschers zu beschädigen. Ob Haeckel damit seinen Lebenszeit-Fortpflanzungserfolg (Darwin’sche Fitness) erhöht hat, ist unbekannt. In den Biographien sind nur seine drei ehelichen Kinder verzeichnet, sowie die Klagen seiner Frau über den „workoholisch“ veranlagten, stetig abwesenden Ehemann.
 

Vielen Dank für das Interview!

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